Nach Unfall Mord

Um Entschädigungszahlungen zu vermeiden, werden Verkehrsopfer in China oft absichtlich tot gefahren. Die Autofahrer kommen oft ungestraft davon.
VON HARALD MAASS

Niemand weiß, ob Liu Xingzhi hätte gerettet werden können. Der Dreijährige hatte im Dezember in der Provinz Sichuan gespielt, als ein Mercedes ihn anfuhr. Der Fahrer, ein Mitarbeiter einer Aluminium-Firma, rief weder Krankenwagen noch Polizei. Stattdessen stieg er aus, wie Augenzeugen sagten, schaute sich den Jungen an, und rollte dann erneut mit den Reifen über den Körper. Als Polizei und Ärzte eintrafen, war das Kind tot.

“Malu Zhuihun Shou” werden sie in China genannt - frei übersetzt: Seelenjäger der Straße”. Um Entschädigungszahlungen und teure Behandlungen zu vermeiden, fahren Autofahrer in China Medienberichten zufolge die Opfer von Verkehrsunfällen absichtlich tot. “Fälle wie diese passieren häufig”, meldet die Tianfu Morgenzeitung aus Chengdu. Nur selten weisen die Behörden den Tätern eine vorsätzliche Straftat nach.Ein Menschenleben ist in China nicht viel wert, vor allem auf der Straße. Fast 100 000 Chinesen sterben jedes Jahr bei Verkehrsunfällen. Viele der Unfälle passieren auf dem Land, wo die Menschen keine Verkehrsregeln kennen und oft ohne Autoverkehr groß wurden. Laut Gesetz muss ein Unfallverursacher den Hinterbliebenen eine einmalige Entschädigung zahlen. Dabei kostet ein Bauernleben nur ein Drittel von dem eines Städters. In der Provinz Anhui bekam die Familie eines Bauern, der im Verkehr getötet wurde, nur rund 5000 Euro. Wenn das Opfer den Unfall überlebt, sind die Kosten oft deutlich höher. Der Autofahrer muss für die Behandlung im Krankenhaus, den Verdienstausfall und für Schmerzensgeld aufkommen.

Im Fall von Liu Xingzhi konnten oder wollten die Behörden dem Fahrer keine Absicht nachweisen. Der Untersuchungsbericht der Polizei kommt zu dem Schluss, dass der Junge bei einem Unfall getötet wurde. Medienberichten zufolge soll die Firma des Fahrers der Familie 30 000 Yuan als Entschädigung angeboten haben - 3000 Euro. Viele Chinesen sind empört. “Die Handlung des Mercedes-Fahrers ist Mord. Er sollte die Todesstrafe bekommen”, schrieb jemand im Internetforum Sina.com. Andere forderten eine Änderung der Gesetze: “Die Ursache ist ein Defizit in unserem Strafrecht. Wenn ein Fahrer nach einem Unfall flüchtet, bekommt er nur eine leichte Strafe.”

Pekings Regierung hat angekündigt, die Entschädigung neu zu regeln. Die aktuellen Gesetze stimmten nicht mit dem Gleichheitsgrundsatz der Verfassung überein, sagte der Präsident des Obersten Gerichtshofes, Xiao Yang, am Rande des Volkskongresses im März. Wann ein neues Entschädigungsgesetz kommt, ist unklar.

Für manche ist das brutale Vorgehen der Autofahrer ein Ausdruck der Klassengesellschaft, die sich in der Volksrepublik herausgebildet hat. Oft sind es die Besitzer von Luxusautos, die Fahrerflucht begehen oder ihre Opfer absichtlich überrollen. Vor drei Jahren geriet eine BMW-Fahrerin im nordchinesischen Harbin mit einer Zwiebelverkäuferin in Streit, die mit ihrem Karren einen Kratzer an das Auto gefahren hatte. Nach einem Wortgefecht stieg die Fahrerin in ihren Geländewagen und fuhr die Bäuerin tot. Aus Versehen, behauptete sie später.

Frankfurter Rundschau
http://fr-aktuell.de/in_und_ausland/politik/aktuell/?em_cnt=1105911

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